Zu einem neuen Modell der „Kult-Kontrolle“

Von Robert Vaughn Young

(Vorwort: Ich sandte diese lange Nachricht an ARS, weil ich mich von dieser Arbeit nun verabschieden muß, und ich möchte, daß sie in die Hände von Leuten kommt, die dies studieren oder die davon betroffen sind. Ich weiß nicht, wer noch derselben Ansicht ist wie ich. Es ist einfach meine Perspektive und Meinung und kann sicher Diskussionen auslösen, nicht zu reden von Schreckensschreien irgendwelcher Kulte. Ich möchte nur, daß es von Fachleuten, die sich damit befassen, ernstlich in Betracht gezogen wird. Andere sollten darüber interviewt und das Modell sollte entwickelt und getestet werden. Ich glaube auch nicht, daß es das einzige Modell ist. Ich glaube nur, daß es jemandem helfen kann, dem früher nicht geholfen werden konnte. Ich bitte nur darum, man möge eine Kopie davon jedem geben, der an der Frage von „Kultmodellen“ interessiert sein könnte.)

Als ich Scientology 1989 verliess, nachdem ich 21 Jahre im Kult gewesen war, war die schwierigste Frage, die mit die Leute stellten, warum ich so lange drin blieb, wenn ich doch wusste, dass es ein dermassen missbräuchliches System ist. Ich konnte keine Antwort finden, die mich befriedigt hätte, sicher konnten es auch nicht die anderen. Ich glaube, ich habe eine Idee für eine Antwort und ein Modell. Wenigstens stellt mich dies heute zufrieden.

Mein eigener Hintergrund und meine grundsätzlichen Interessen verlangten ebenfalls ein Antwort auf diese Frage. Ich hatte einen BA in Philosophie angestrebt und erreicht (vom damaligen San Francisco State College), weil ich dem, was wir als Philosophie des Verhaltens/des Verstandes/der Psychologie bezeichnen, grosses Interesse entgegenbrachte. (Die Wahl hängt oft von der Schule wie auch von der Betonung des Stellenwerts der Bereiche ab.)

Ich wurde dann zur Erlangung des PhD an der University of California in Davis zugelassen. Ich wählte diese, weil sie ein starkes Programm in dieser neuen, wachsenden Studienrichtung hatte. (Zwanzig Jahre später stellte ich fest, dass der Bereich der „Kognitiven Wissenschaften“ eigene Departemente hervorbrachte und PhDs an einigen Universitäten erteilt werden. Kognitive Wissenschaft ist ein Gemisch aus Philosophie, Psychologie und etwas Computerwissenschaft, namentlich im Bereich der AI oder künstlichen Intelligenz, was genau das war, was ich suchte. AI schuf neue philosophische Probleme und damals Ende der Sechzigerjahre hatten die Departemente diese noch nicht als vollwertige Themen integriert.)

Es war dieses mein Interesse, das mich zum Lesen von Hubbard veranlasste. Ich war von Elementen seiner Philosophie fasziniert, namentlich von einigen der epistemologischen und kosmologischen Darlegungen. Scientologys Dept. 20/RTC und deren Anwälte (besonders bei meiner letzten Befragung in Tampa vor einigen Wochen) können dies nicht verstehen. Als sie fragten, warum ich zu Scientology kam, äußerten sie allerlei Vermutungen, von „persönlicher Verbesserung“ bis zu meinem Wunsch, mich einer Religion anzuschließen. Nein, sagte ich, und versuchte zu erklären, aber es kam nichts an. Für eine „angewandte religiöse Philosophie“ haben sie keine Ahnung, was „Philosophie“ eigentlich bedeutet, ganz sicher nicht „religiöse Philosophie“. (Sie glauben, dass eine „religiöse Philosophie“ eine Religion ist. Keine Ahnung!) Dann aber musste ich endlich erkennen, dass Hubbard es genauso wenig verstand.

Was mich zurück zum Thema bringt, warum ich blieb. Es war ein Vorfall, der sich 1988 ereignete und den ich für meinen „Lackmus-Test“ haltet. Ich wusste, wenn ich ihn verstehen könnte, könnte ich alles verstehen.

Ich war im Rehabilitation Project Force (RPF) der „Golden Era Studios“ in Gilman Hot Springs, CA. (Um der Kürze willen überspringe ich, warum ich dort war, wie es funktioniert und dergleichen, und beschränke mich auf das Wesentliche. Außerdem ist es für die Aussage, die ich hier mache, unwesentlich und ich denke, ich habe bereits früher darüber geschrieben.) Meine Situation verschlimmerte sich bis zu dem Punkt, dass ich befürchtete, im RPF den Verstand zu verlieren oder umzukommen, darum flüchtete ich eines Nachts. Sie fanden mich in einem Motel nahe Hemet und wollten mich sprechen. Ich sagte zu und das Nächste, was ich wusste, war, daß ich zustimmte, ins „Programm“ zurückzukehren und das RPF zu beenden. Ich machte es und war weitere 5 bis 6 Monate drinnen (total 16 Monate), bevor ich „den Abschluss machte“.

Hier ist mein „Lackmus-Test“. Mehr als warum ich drin blieb: warum kehrte ich zurück, wenn ich es als so missbräuchlich empfunden hatte, dass ich flüchtete? Und hier ist der Anstoß: sie redeten mich zurück. Sie fassten mich nicht an. Sie redeten nur gerade mit mir, sie überzeugten mich, das aufzugeben, was ich während Wochen geplant und dann ausgeführt hatte. Sie überzeugten mich, geeade zu den Verhältnissen zurück zu kehren, von denen ich befürchtete hatte, dass sie mich umbringen würden. Warum handelte ich so?

Und dies muss in Erinnerung gerufen werden: Ich kann (11 Jahre nach der Flucht) zurückschauen und sehen, dass ich recht hatte, dem RPF zu entfliehen, und daß es falsch war, zurück zu kehren. Warum kehrte ich also zurück und blieb dann?

Hier ist der Punkt, an dem die Verfechter der „Bewusstseinskontrolle“ ihre Ansicht vertreten könnten. Nach alledem ist es nicht das, was „Bewusstseinskontrolle“ bedeutet, daß ich „gesteuert“ wurde, etwas zu tun, was zutiefst gegen meinen Willen war?

Oder die Schule der „Gehirnwäsche“ könnte aus ihrer Perspektive eine Erklärung abgeben. Nach 21 Jahren im Kult, könnten sie sagen, war ich „konditioniert“ und so etwas wie ein „mandschurischer Kandidat“ oder pawlowscher Hund, es brauchte nur jemand irgend eine Glocke zu läuten oder einen Knopf zu drücken und ich gehorchte.

Ich entsprach nie diesen Modellen. Als ich es zu verstehen versuchte, las ich einige Artikel von „Experten“ über das Thema „Beherrschung durch Kulte“, aber sie passten nicht richtig. Es war, wie wenn ich einen teuren, aber zu großen Mantel anziehen würde, der mir über die Fingerspitzen hinaus geht und zweireihig an mir herunterhängt. Klar, es war ein „Mantel“ und die „Etikette“ war eindrucksvoll, aber …

Ich fragte, ob ich es war. Vielleicht ärgerte ich mich über die Idee, dass ich „gehirngewaschen“ wurde oder dort „Bewusstseinskontrolle“ ausgeübt wurde, weil ich diese Theorien nicht mochte. Ich fand mich in der amüsanten Situation, in der ich dem Kult zustimmte, dass die Modelle nicht funktionierten, aber es gab immer noch irgend etwas, irgend etwas Beherrschendes. Warum ließ ich mich zur Rückkehr in eine Situation überreden, die ich verabscheute, und nun kann ich Jahre danach zurückschauen und zustimmen, ja, irgend etwas anderes wirkte mit. Es war irgend eine Art von „Kontrolle“, aber „Bewusstseinskontrolle“? Die funktionierte nicht.

Es dauerte bis zu meiner ersten Reise nach Wellspring, dass ich das für mich funktionierende Modell fand. Es hatte nichts mit den Leuten dort zu tun. Es waren einige Bücher, die auf ihren Regalen lagen und die ich in meiner freien Zeit las, die mich das Modell erkennen ließen, das für mich funktionierte: die geprügelte oder misshandelten Frau. Doch die Idee war damals noch nicht voll tragfähig. Es benötigte einige Monate später weiteres Lesen (einschließlich einiges auf dem Web), um alles zusammen zu bringen.

Verschiedene „Experten“ stellen in Frage, ob „Bewusstseinskontrolle“ oder „Gehirnwäsche“ wirklich existieren oder ob wir gerade über verschiedene Formen von „Einflüssen“ sprechen, die überall gefunden werden, von der Reklame bis zum Gespräch. Aber sie können die Tatsache nicht leugnen, dass es geschlagene/misshandelte Frauen gibt, die in dieser demütigenden Situationen ausharren und dass es andere Frauen gibt, die entfliehen und, wenn sie von ihrem Mann gefunden werden, zurück in die selbe Beziehung geredet werden, der sie zu entfliehen versuchten, und daraufhin wiederholt sich alles.

Bis vor sehr wenigen Jahren ließ unsere Gesellschaft bei diesen Frauen nicht einmal zu, dass versucht wurde, ihnen in ihrer Verlassenheit zu helfen oder das Phänomen zu verstehen. Angesichts der männerdominierten Gesellschaft, die wir sind, war es in vielen Staaten für einen Ehemann sogar legal, seine Frau zu schlagen, und es könnte immer noch so sein. Wenn eine Frau zur Polizei ging, rief diese einfach den Ehemann. Aber nun schreiten die Frauen voran und es ist nicht leicht. Es ist so, wie das Opfer einer Vergewaltigung zu sein und dies öffentlich auszusprechen. Es braucht Mut und es brauchte einige Frauen, dieses Thema unserer (amerikanischen) männerdominierten Gesellschaft aufzuzwingen und zum Thema zu machen. Darum ist es ein neues Thema. Es ist nicht so, dass es bisher nicht existierte. Es existierte zweifelsohne, seitdem es Männer und Frauen gibt, aber – wie die Bürgerrechte und andere Themen – benötigte es einige „Opfer“, die Sache voran zu treiben, bis jeder zugibt, dass es existierte.

Zum ersten Mal erkannte ich die Parallelen zwischen meinen eigenen Erfahrungen im Kult von Scientology und geschlagenen Frauen, als ich „Captive Hearts, Captive Minds“ las, ein hervorragendes Buch. Es war in der Einleitung oder vielleicht auch im ersten Kapitel, dass sie die Sängerin Tina Turner erwähnten und zitierten, die während etwa 10 oder 15 Jahren in einer missbrauchenden Verbindung lebte. Sie bemerkte, daß das Zusammensein mit Ike Turner so war, wie in einem kleine Kult zu sein. Diese Bemerkung fesselte mich gleich. Angesichts des Erfolgs von Tina Turner als Entertainerin ist man nicht versucht zu sagen, dass sie eine dumme Frau ist, aber doch führte sie eine Ehe, in der sie ständig geschlagen wurde und trotzdem blieb. Als sie schließlich entfloh, wie sie in ihrer Geschichte erzählt, wurde sie vorher dermaßen geprügelt, dass ihr Kopf so anschwoll, dass sie nicht einmal eine Perücke aufsetzen konnte. Sie hüllte ihren Kopf in einen Schal und floh ohne Geld oder sonst etwas und entkam so Ike Turner.

Man wundert sich, wie oft sie seither gefragt wurde „Tina, du bist eine so talentierte Frau, so intelligent, wie konntest du während 10 oder 15 Jahren bei einem Mann bleiben, der dich schlug?“ Vielleicht hat sie in ihrer Autobiographie eine Antwort darauf. Ich weiß es nicht. Sie steht auf meiner Leseliste. Ich weiß aber, dass ihr diese Frage gestellt wurde. Jeder Frau, die einem Mann entkam, der sie schlug, wird diese Frage gestellt, und es ist möglicherweise die schwierigste der Welt zu beantworten. Letztendlich ist es nicht so, dass du nicht weißt, dass du geschlagen wirst. Es geschah nicht nur einmal. Oder zweimal. Es geschah Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr.

Und diese Frauen sind nicht eingesperrt. Der Gatte geht zur Arbeit weg, zum Beispiel, und sie hat einen Wagen. Sie steigt in den Wagen und sie fährt zum Laden, kauft Lebensmittel, bringt sie nach Hause, an den selben Ort, wo sie geschlagen wird, und sie kocht das Essen. Sie fährt nicht fort. Sie kommt zurück. Wozu? Zu noch mehr Misshandlung.

Es gibt auch viele Falle, wo die Frauen wirklich flüchteten, wo sie schließlich Mut fassten und möglicherweise die Kinder ergriffen und flüchteten, aber der Mann brachte es fertig, sie zu finden. Dann redete er sie zurück, ohne jede körperliche Gewaltanwendung. Und wenn dann die Misshandlung von neuem losging, blieb sie. Einige gehen weg, andere bleiben.

Als ich begann, die Parallelen zwischen meinen eigenen Erfahrungen und diesen Frauen zu sehen, ging ich zurück und las Liftons 10 oder wieviele Punkte er für sein Modell vorbringt, und ich verstand, dass es auf dem Studieren von Kriegsgefangenen beruhte! Dies war kaum ein Geheimnis, aber als er und andere ihre Modelle von „Bewusstseinskontrolle“ oder „Hirnwäsche“ oder wie sie immer heißen mögen erarbeiteten, waren geschlagene Frauen noch kein Thema, was für mich ein ausschlaggebender Unterschied war. Nach alledem, welcher heimgekehrte Kriegsgefangene sagt, er wolle zurück? Welche Kriegsgefangenen wurden aus ihrer Zelle gelassen und wurde erlaubt, zur Erholung in die Stadt zu fahren, um darauf ins Gefängnis zurück zu kehren, wo sie missbraucht und gefoltert wurden? Das ist für mich der Punkt, wo diese Modelle versagen und wo das Modell der misshandelten und geschlagenen Frau überhand nimmt.

Noch bevor ich verstand, wie die missliche Lage misshandelter Frauen mit meiner Situation vergleichbar war, wunderte ich mich, wie Leute aus der ehemaligen DDR imstande waren, zum Einkaufen nach Berlin zu gehen und dann zurückzukehren. Wenn die Bedingungen in Ost Berlin damals wirklich so schlecht waren, wie uns im Westen erzählt wurde, wie konnten sie den Westen betreten, den Unterschied sehen, Dinge einkaufen, die sie zu Hause nicht bekamen und dann zurückkehren? Ich erwähne dies nicht als eine genaue Parallele, es gibt jedoch eine Ähnlichkeit. Warum sollte eine Person in eine Situation zurückkehren, die schlechter ist? Ich glaube nicht, dass „Bewusstseinskontrolle“ oder „Gehirnwäsche“ diese Situation gerecht werden, ebenso wenig wie der von misshandelten Frauen oder der meinen.

Eines Tages, als ich mit jemandem über diese neue Idee, die ich hatte, sprach, erwähnte ich die Parallele mit der ehemaligen DDR, und diese Person machte eine bemerkenswerte Äußerung. „Die DDR war ihr Zuhause“, sagte sie. „Die Leute verlassen ihre Heimat nicht so leicht, außer sie können irgendwohin gehen, wo es ihnen besser geht.“

Und dies verbindet die Beiden für mich, wie auch meine Situation. Wohin kann die misshandelte Frau gehen? Kann sie sich nach irgendwo davon machen? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich damals, als ich aus dem RPF entfloh, nichts hatte, wo ich hingehen konnte, darum ging ich in ein Motel. (Es gab noch einen Grund, der jedoch in dieser Sache unerheblich ist.) Als Stacy und ich 1989 erfolgreich flüchteten, waren wir in der gleichen Lage. Wir konnten nirgendwo hingehen. Wir wussten, dass der Kult die Namen und Adressen sowie Telefonnummern jedes einzelnen Familienmitglieds und Freundes hatte. Außerdem wurde unsere Post während Jahren überwacht und gelesen und es besteht meines Erachtens kein Zweifel daran, dass die bereits bestehende Liste durch diese Überwachung ständig erweitert wurde. (Die Ausrede für das Öffnen und Lesen aller Post, die beim Stab der Org einging, war, dass das Überwachen für die Abrechnungen der Org war. Es ist eine Anweisung von Hubbard. Die Mitarbeiter werden dann zerpflückt und befragt über Post, die für verdächtig gehalten wird.)

Im Wissen, dass sie eine solche Liste hatten, wussten wir, wir konnten zu keinem dieser Leuten gehen, und so blieben wir auf der Straße und fuhren umher. Ich wurde bereits einmal zurück geredet. Und ein anderes Mal, als ich zu entkommen versuchte, kam ich nur gerade bis zum Tor und wurde zurück geredet. So war diese Sache, von der ich wusste, dass ich sie vermeiden musste. Ich musste genügend Distanz und Zeit gewinnen, um zu meinen eigenen Verständnis von mir zu kommen, um jeden weiteren Versuch abzuwehren, falls sie uns finden konnten.

Das ist es auch, warum ich glaube, Kultmitglieder müssen heimlich entkommen: sie befürchten, dass sie zurück geredet oder zum Bleiben überzeugt werden. Ich weiß, was man dabei fühlt.

Nachdem ich begann, das Modell der missbrauchten und geschlagenen Frauen (in Ermangelung besserer Worte) auf meine eigene Situation anzuwenden, hatte ich die ungewollte und absichtslose Gelegenheit, es zu testen, und ich werde diese Erfahrung nie vergessen. Ich war wieder auf Vashon Island, irgendwann 1999, wo ich gewohnt habe. (Für die, die sie nicht kennen, Vashon ist eine Insel in Puget Sound.) Vashon ist eine unglaublich einzigartige Gemeinde. Wenn sie dort wohnen, sind sie ein „Islander“ und das gewährt ihnen eine Anzahl von ungeschriebenen Vorrechten. Ich brauchte lange Zeit, um zu erkennen, an was mich das erinnerte. Es ist wie das, was der Alte Westen (in den US) war. Eine Person wurde als das, wofür sie sich ausgab, angenommen, bis es sich als anders erwies. Du warst den Einheimischen, nicht Außenstehenden verantwortlich. So lebten die Vashon „Islanders“.

Es gab auf der Insel zwei Bars, einander gegenüber an der Straße. In der einen von ihnen hingen die „Kids“ und „Nicht-Islanders“ herum. Sie hatte eine Billardtisch und ein großschirmiger TV Apparat, um Spiele anzusehen. Die andere war ruhig, bedächtig und für die „Old Timers“, die sich gegenseitig kannten und auch sonst alles, was auf der Insel passierte. Selbst wenn man neu auf der Insel war, sobald man diese Bar besuchte, kannten sie einen und wussten mehr über einen, als man sich vorstellte. Es war ein Ort von der Art, wo man sich hinsetzen, ein Bier trinken und den ganzen lokalen Klatsch mitbekommen konnte. Jeder Besucher der Insel, der nach einem Ort zum Herumhängen Ausschau hielt, hätte nur den Kopf hineingesteckt und wäre weitergegangen und hätte die Bar auf der anderen Straßenseite gewählt, uns unserem eigenen Rhythmus überlassend. Es war auch ein Ort, wo man sich einfach hinsetzen konnten, und wenn man wünschte, allein zu sein, wurde man in Ruhe gelassen. Es war ein Ort von dieser Art.

Eines Nachts ging ich hinein, erhielt die üblichen Grüße, Zunicken und vielleicht einen Schlag auf den Rücken oder gab einen als Antwort. ‚Hey, wo warst du“ fragte jemand. „Oh, ich hing herum“ antwortete ich. Eine solche Antwort genügte. Falls ich mehr zu sagen wünschte, würde ich es tun. Niemand würde nachfragen. Ich stieg auf einen Barhocker, bestellte ein Bier und sah mir ESPN an. Dies war die einzige annehmbare Station, weil man sie ohne Ton sehen konnte, und der Ton blieb ausgeschaltet, damit die Leute, falls sie wollten, die Juke Box spielen konnten.

Ich ruhte mich dort seit etwa 15 Minuten aus, als sich eine Frau neben mich setzte. Mehr als Reflex als sonst etwas drehte ich mich ihr zu, schaute sie an und nickte mit dem Kopf und sie nickte zurück. Dann wandte ich mich wieder dem TV zu und schaute, was die Seeleute machten. Der Barkeeper begrüßte sie in der Weise, die bedeutete, dass sie eine Einheimische war.

Nach einigen Minuten sprach sie mich an. „Sie sind der, den sie belästigt haben, oder nicht?“

Ich drehte mich ihr zu. Sie schlürfte an ihrem Bier. Sie war etwa 45 und so wie die „Islanders“ gekleidet. (Neun von zehn Mal kann man einen „Nicht-Islander“ an der Kleidung erkennen.) Sie war klar eine Einheimische, obwohl ich sie nicht kannte. Das war auf dieser Insel ziemlich schwierig. „Ja“ sagte ich.

„Wie geht es? Machen sie es immer noch?“

Nein, sagte ich, bis jetzt war es ruhig. Sie erzählte mir, wie sie dachte, dass es schrecklich sei, wie sie so auf die Insel kamen. Es ist nicht die Art, wie sich „Islanders“ benehmen, meinte sie. Klar, antwortete ich mit einem Achselzucken. Sie kapieren es nie.

„Ich sah sie in der ‚Dateline‘ Show“, sagte sie. Ich nickte, als sie etwas mehr darüber anfügte. Schließlich fragte sie mich „Wie lange waren sie in Scientology?“

„Ungefähr 21 Jahre“ sagte ich.

„Wow“ meinte sie, wirklich erstaunt. „Wenn es wirklich so schlimm ist, wie ich höre, wie konnten sie so lange dort drin bleiben?“

Hier war sie, die gleiche Frage. Gut, diesmal hatte ich eine neue Antwort.

„Ich vermute, es ist das gleiche wie eine misshandelte Frau zu fragen, warum sie so lange in dieser Beziehung blieb, wenn …“

Sie drehte sich plötzlich mir zu und hob ihre Hand vor sich, eine dieser „Halt“ Bewegungen, und sagte „Sagen sie nichts mehr! Ich habe soeben eine missbrauchende Ehe von 12 Jahren beendet. Ich weiß genau, wovon Sie sprechen.“

Und genau hier wurden wir Freunde. Wir hatten etwas Gemeinsames.

Wir wechselten noch einige Worte über das Thema, wie man zur Vernunft kommt, und ließen dann das Thema. Keiner von uns war daran interessiert. Wir verstanden einander und verbrachten die folgenden Stunden im Gespräch über die Insel, die Seeleute und andere Lebensweisheiten, bis sie schließlich ihre Rechnung beglich, vom Hocker stieg, mir die Hand schüttelte, alles Gute wünschte und sagte, sie werde ihren Freunden von uns erzählen.

Nachdem sie wegging und im vergangenen Jahr habe ich oft über diese Unterhaltung nachgedacht, wie eine augenblickliche Verbindung mit ihr entstand und ein unmittelbares Erkennen. Sie erwähnte nie, wie lange her es seit dem Ende ihrer Ehe war, aber es war vermutlich lange genug, um ihr die selbe Frage zu stellen, die sie an mich gerichtet. Es war jedoch ein unglaublicher Glücksfall, dass die erste Person, der ich dies sagte, eine Frau war, die einer missbrauchenden Beziehung entkommen war. Es hätte auch jemand sein können, der mich meine Erklärung beenden lassen und dann gesagt hätte „Wissen Sie, ich konnte das auch nie verstehen“, aber es war nicht so. Es war eine Frau, die sagte, erzählen sie mir nichts, ich weiß genau, wovon sie reden. Und sie verstand. Unsere Situationen waren völlig verschieden, aber doch die gleichen.

Danach erkannte ich, dass ich zum ersten Mal ein Modell besaß, das ich in den schwierigsten Situationen anwenden konnte und dass das Verstehen auf dem Verständnis dieser Person für die Situation der missbrauchten Frau beruhte. Mit diesem Modell/dieser Analogie konnte ich an der „Oprah“ Show teilnehmen und mit dieser Antwort, dass sie verstehen würde, würden dies auch Millionen von Frauen verstehen, die der Show zusahen. Es wäre nichts Weiteres nötig. Es mussten keine Argumente über „Bewusstseinskontrolle“ oder „Hirnwäsche“ sein, falls diese wirklich existieren. Misshandelte Frauen existieren, und was auch immer sie dort festhält oder wieder zurückführt, es kommt vor. Diese Tatsache kann nicht geleugnet werden.

Nachdem ich nun meinen Standpunkt darlegte, lassen sie mich ihn erweitern. Meiner Meinung nach erreicht dieses Modell/diese Analogie weit mehr als die Kontrolle durch einen Kult. Ich glaube, es lässt sich auch an Arbeitsplätzen finden, an denen sich die Leute gefangen fühlen und die sie verlassen wollen, aber nicht können. Dort mag es den Unterschied geben, das der „Boss“ nicht versuchen wird, sie zurück zu reden, ich denke jedoch, dieses Modell/diese Analogie umfasst mehr als nur Kulte und misshandelte Frauen. Es könnte auch für andere von Nutzen sein. Mein Punkt ist, dass ich nicht auf Scientology ziele. Das Modell funktionierte für mich in meiner Situation und ich denke, es könnte anderen helfen, die Schwierigkeiten mit dem Verstehen der von ihnen empfundenen „Kontrolle“ haben. Mir half es, weil es mich von den Themen „Bewusstseinskontrolle“ und „Gehirnwäsche“ wegbrachte und mit beibrachte, dass es nicht ausschließlich der Kult war. Umgekehrt verstand ich die misslichen Lage der misshandelten Frau – oder wenigstens sympathisierte ich damit. Ich wunderte mich nicht länger, warum sie blieben oder zurückkehrten. Ich hatte keine Antwort, aber ich war nicht länger verwirrt.

Bei meiner letzten Befragung in Tampa gab es einen Moment, an dem dies hochkam. Ich wiederhole nicht, was es war, aber ich wurde etwas gefragt, was mich veranlasste zu sagen, dass ich dachte, das Syndrom der misshandelten Frau wäre ein gutes Modell für das, was ich erfahren hatte. Natürlich gab es da schallendes Gelächter und Scherze einfacher Ablehnung auf ihrer Seite. Das ist von den Missbrauchern zu erwarten, oder? Kein misshandelnder Ehegatte wird es zugeben, ebenso wird es kein missbrauchender Kult zugeben, aus den gleichen Gründen.

Bevor ich schließe, laßt mich noch ein paar Vergleiche ziehen.

Keine missbrauchende Beziehung beginnt so. Tatsache ist, falls der Kerl sie bei ihrem ersten Treffen schlüge, gäbe es kein zweites. Nein, die missbrauchende Beziehung beginnt in aller Freundlichkeit. Als ich über missbrauchende Beziehungen las, wurde immer wieder erwähnt, wie der Kerl so nett und reizend war. Nein, die Misshandlung kommt allmählich. Er beginnt mit etwas Kritik, und wenn die Frau diese akzeptiert, dann folgt ein wenig mehr. Wenn sie auch dies akzeptiert, erreicht der Mann noch mehr, da er mit Kontrolle beginnt. Wenn sie protestiert, lockert er die Kontrolle, bis er sie wieder voll herstellen kann. Dies wird Gradient genannt. (Ironischerweise wird dieser Begriff den Scientologen bekannt sein.) Die Frau wird mehr und immer mehr akzeptieren und zur Überzeugung kommen, dass sie etwas falsch macht. Mit dieser steten Steigerung nimmt die Freundlichkeit immer mehr ab, bis sie schließlich wie eine Karotte vor ihr baumelt. Irgendwann während dieser Entwicklung beginnt der körperliche Missbrauch. Falls sie zu sehr zusammenbricht, wird er süß und tröstend und vielleicht entschuldigt er sich sogar und bringt sie zurück unter seine Kontrolle. Das ist der Schlüssel. Kontrolle. (Ein weiteres Wort, das Scientologen gut kennen. Hubbard hatte sogar seine eigene Definition dafür und eine entsprechend entwickelte Kontrolle.) Dann erfolgen eines Tages die Prügel regelmäßig und sie verliert ihre Selbstachtung und Würde.

Lasst mich einen weiteren Vergleich zu meiner eigenen Situation ziehen. Ich erwähnte in einem meiner Beiträge für ARS, die ich gleichzeitig mit diesem machte, die Frau, die mich fragte, ob jemand irgend etwas zu mir gesagt haben könnte, um meinen Einstellung zu ändern, als ich in Scientology war. Niemand fragte mich so etwas und ich erkannte – und sagte es ihr -, es habe nichts gegeben, was jemand zu mir gesagt haben könnte.

Das geschieht auch mit der misshandelten Frau. Ich las, wie sie sich später an Hinweise von Freunden erinnerten, die sie darauf hinwiesen, dass ihr Ehegatte/Liebhaber sie missbrauchte und dass sie diese verlassen sollten. Ich kann mir keine Einzige in Erinnerung rufen, die gesagt hätte, weißt du, du hast Recht! Ich werde ihn verlassen. Nein, sie versuchten den Missbrauch zu erklären! Sie konnten sagen – es tatsächlich glaubend, bis sie schließlich entkamen – dass er ein wirklich netter Kerl war, dass er missverstanden wurde, dass er versuchte, die Angelegenheit zu bereinigne, usw. usw. usw.

Sie wissen, wer gewöhnlich die Meinung der Frau ändert? Der Missbraucher. Diejenigen die fliehen – wie Tina Turner – sagen eines Tages einfach, ich habe genug, und entfliehen. Einige machen es früher, andere später. Bis zu diesem Moment rationalisieren sie ihre Situation. Freunde oder die Familie wären noch in der Lage einzugreifen, in den schwersten Fällen jedoch kaum mehr. Hier ist der Missbraucher der Einzige, der die Meinung der Person beeinflussen kann.

Bis dahin ist Geld und Einkommen auch ein Faktor. Leute bleiben in missbrauchenden Situationen, weil sie kein Geld haben oder nirgendwo hingehen können. Falls die misshandelte Frau vielleicht 100,000 Dollar auf der Bank hätte, hätte sie ihm längst den Stinkfinger gezeigt und wäre abgehauen. Aber welcher Missbraucher würde der Frau erlauben, Geld für sich selbst zu behalten? (Ich lernte zwar ein Mitglied der Sea Org kennen, das mit ansehnlichen persönlichen Mitteln floh. Der Geldbetrag, den man beim Eintritt hat – falls überhaupt – wird schnell aufgespürt und man wird überzeugt, ihn dem Kult zu spenden, was effektiv sämtliche Mittel verschlingt.) Das sind die Punkte, die untersucht werden müssen, um dieses Phänomen zu verstehen und Hilfe anbieten zu können.

Inzwischen möge man sich fragen, wie eine Person das Geschlagenwerden rationalisieren kann. Tatsächlich eine gute Frage. Wäre die missliche Lage der misshandelten Frau bereits länger bekannt als sie es ist, hätten wir vielleicht ein besseres Verständnis. Jede Frau wird ihre eigene Antwort haben, aber bis wir eine Ahnung davon haben, bleibt es Tatsache, dass es existiert und dass es einige beunruhigende Parallelen zwischen diesen Frauen und Kultmitgliedern gibt. Es war kein „Missbrauchen“, als ich mich anschloss. Es war wie das „Love Bombing“, das wir auch in anderen Kulten finden. Alles ist wunderbar und die Zukunft ist glänzend und an diesem Ort kann man sein. Dann gibt es eines Tages eine kleine „Korrektur“. Falls man zögert, wird man sanft überredet, bis man es begreift und willens ist, es zu akzeptieren. Das Nächste wird daran angehängt. („Erinnern Sie sich, wie gut wir es letztes Mal schafften, als Sie im Stande waren, es zu verstehen und einen Gewinn hatten?“) Und als nächstes findet man sich eines Tages 12 Stunden pro Tag hart am Arbeiten, unter Bewachung, sieben Tage die Woche, ohne mit Freunden und der Familie sprechen zu dürfen, der Körper von Schmerzen geplagt und ständigen Befragungen unterworfen, um die „Verbrechen“ aufzugeben und es für dir eigene „Rehabilitation“ zu akzeptieren. Und falls man zu entfliehen versucht und erwischt wird, wird man in genau die gleiche Situation zurück geredet und man ist selbst davon überzeugt, dass dies so richtig ist, wenn man bei 40 °C Hitze und brennender Sonne für 5 Dollars am Tag die nächste Ladung Steine schleppen soll. Es ist alles Teil der „Rehabilitation“.

Nein, wenn mich Leute fragen, wie ich so lange bleiben konnte, wenn ich doch wusste, dass es missbräuchlich war, dann ist dies eine Fangfrage. Ich wusste nicht mehr als die misshandelte Frau. Ich redete mir ein, dass sie eigentlich in Ordnung sind, dass es mein Fehler sein muss, dass etwas unternommen wird, um mir zu helfen, und die Sache wirklich besser werden wird. Ich hielt bis ins RPF an dieser Einstellung fest, bis ich eines Tages zusammenbrach und entschied, zu entkommen. Dann redeten sie mich zurück und ich war überzeugt, dass es besser kommen wird. Alles, was sie machten, war den Gradienten soweit anzupassen, dass ich die Kontrolle akzeptieren konnte.

Es gibt noch einen anderen Punkt, bei dem ich finde, dass das „Bewusstseinskontrolle/Gehirnwäsche“ Modell versagt. Es ist bei der Kontrolle durch Kulte entscheidend, dass sich die Person kontrolliert fühlt und tatsächlich „unter Kontrolle“ ist. Man trifft immer die Entscheidung zu bleiben. In diesem Maß ist es „zustimmend“. Aber wie „zustimmend“ ist die misshandelte Frau? Nur gerade weil sie die Freiheit hat, zum Laden und zurück zu fahren und sie niemand in Ketten hält, heißt das, dass sie ihrer Situation „zustimmt“? Kann der Ehemann behaupten, dass er sie nicht „kontrolliert“ weil sie diese Freiheit hat? Was ist denn „Zustimmung“? Das mag ein legales wie auch ein psychologisches Dilemma sein, aber ich denke nicht, dass wir bereit sind, die Frau, die geschlagen wird, im Stich zu lassen, indem wir sagen, sie „stimmt dem zu“, oder?

Dank Videokameras können wir Shows wie „Cops“ verfolgen, wo die Polizei wegen einer „familiären Störung“ im realen Leben um Hilfe gerufen wird. Falls sie diese Show öfters gesehen haben, sahen sie schließlich die allzu vertraute Szene der Frau mit einer blutig geschlagenen Nase, die ganz klar geschlagen wurde (die Polizei wurde durch Nachbarn gerufen, die den Lärm hörten) und ständig alles herunterspielt und darauf besteht, dass die Polizei nichts unternimmt. Nein, es geht mir bestens, sagt sie. Nein, es ist nichts. Auf die Frage der Polizei über die blutige Nase oder Schwellungen um die Augen erzählt sie alles andere, nur nicht die Tatsache, dass er sie schlug. Brauchen wir mehr Beweise? Da sind die zuständigen Leute – die Polizei -, die ihn ins Gefängnis bringen und den Missbrauch beenden können, wenn sie sich nur offen äußern würde, aber sie lehnt ab, das Blut von ihrer Nase abwischend oder das zerrissene Kleid um ihre Schultern ziehend und ihnen erzählend, das alles in bester Ordnung ist. Natürlich kann die Polizei legalerweise nicht eingreifen, außer sie beklagt sich, aber sie will nicht.

Lasst mich nun ein erschreckendes Geständnis machen. Wenn an jenem Tag, als ich auf der Flucht im Motel war, die Polizei erschienen wäre, als sich die Sicherheitswachen draußen aufgestellt hatten, um sicher zu stellen, dass ich ihnen nicht entkam, und wenn die Polizei mich gefragt hätte, ob alles in Ordnung sei oder ob ich Hilfe benötige, wissen sie was ich gesagt und getan hätte? Das Gleiche wie diese Frau. Nein, es ist bestens, hätte ich gesagt. Ich werde es handhaben. Es erschüttert mich, daran zu denken, es gerade jetzt auch nur auszusprechen, aber das ist die Wahrheit. Das ist genau das, was ich getan hätte. Und wissen sie warum? Weil ich mit dem Kult keine Schwierigkeiten bekommen wollte. Falls sie sich das vorstellen können, bringen sie das den Experten bei.

Das ist es, warum Leute, die aus dem Kult fliehen – sogar in die Arme der Behörden -, zurück geredet werden können. Sie können nicht besser „helft mir“ sagen, als die Frau, die mit blutiger Nase dort steht, es der Polizei erklären kann. Gebt ihnen einige Tage Ruhe und Zeit, damit sie wieder zur Vernunft kommen und dann können sie es vielleicht. Darum sind diese ersten paar Stunden oder Tage entscheidend. Je länger die Person von der sie unterdrückenden Person weg ist, desto eher findet sie ihr Selbstbewusstsein wieder. Dies erbost natürlich den Missbraucher, bis er/sie endgültig aufgibt und nach dem nächsten Opfer Ausschau hält. Inzwischen verbleibt ein gewisses Maß an Kontrolle, bis die Person diese endgültig ablegen kann.

Und ich glaube nicht, dass alle misshandelten Frauen körperlich missbraucht werden. Der Missbrauch könnte lediglich verbal erfolgen, über andere Kontrollmechanismen wie Kontrolle des Geldes, des Schlafes, der Kleidung, der Freunde, des Glaubens, der Freizeit usw. (Na, klingt vertraut?)

Nun, wenn man am Studium des Syndroms der „misshandelten Frau“ interessiert ist, wen würde man studieren? Das mag als eine lächerliche Frage erscheinen, aber sie kommt auf den Punkt, wie der Kult dies macht.

Erst hat man zu entscheiden, ob solche Frauen existieren. (Dies mag klingen, als ob ich mir widersprechen würde, aber wartet ab.) Wie entscheidet man? Die offensichtliche Antwort scheint die eigentliche Geschichte der Frauen zu sein. Aber können wir ihnen glauben? Möglicherweise übertreiben sie. Wollen wir sie mal ignorieren und zu den Ehen/Beziehungen gehen und die Frau fragen, ob sie misshandelt werden? Lasst uns den Mann fragen, misshandelt er seine Frau? Welche Antwort werden wir bekommen? Auf diesem Weg können wir überzeugend „beweisen“, dass es keine misshandelten Frauen gibt, weil alle Frauen – eingeschlossen denen mit blutigen Nasen – verneinen werden, wie es auch die Männer werden. Fall abgeschlossen. Keine Frau wird missbraucht.

Dies ist genau so, wie der Kult handelt. Sie sagen, dass diejenigen, die ihn verlassen haben und Missbrauch behaupten, „Apostaten“ sind (Abtrünnige, die einen Glauben oder Sache aufgaben) und ihnen nicht geglaubt werden kann. (Sie bezahlten sogar einige „Experten“, um dies „auszuschließen“.) Statt dessen schlagen sie vor, alles, was sie zu tun hätten, sei Scientologen zu fragen, ob sie sich missbraucht fühlten. Tatsache ist, sie können sogar ins RPF gehen und fragen und es besteht die Chance (außer es ist ein Rockytyp dort, der erst mal schnellstens irgend anderswohin geschafft wird), dass sie dem Mann oder der Frau antworten werden, nicht missbraucht zu werden. Fall geschlossen. Niemand wird missbraucht.

Mit anderen Worten, solange wir auf jemanden hören, der einen Glauben oder eine Sache aufgegeben hat (von einer Ehe bis zu einer „Religion“), ist dies nicht glaubwürdig.

Und dies ist der Grund, warum misshandelten Frauen bis vor wenigen Jahren nicht geglaubt wurde. Denken sie darüber nach. Frauen wurden während tausenden von Jahren missbraucht und es war erst vor einigen wenigen Jahren, dass auch zugegeben wurde, dass es geschah und dass etwas unternommen werden sollte. Wie viele Frauen gingen zur Polizei und wurden weggeschickt oder wurden umgebracht oder zerstört, bevor ihnen jemand glaubte? Andere flohen einfach und verschwanden und schämen sich immer noch, darüber zu reden, und ziehen es vor, ein stilles Leben zu führen, in dem sie ihre eigenen Freunde wählen können, ihr eigenes Bankkonto haben, ihre eigenen Mahlzeiten aussuchen, ihre eigenen Kleider wählen, vertrauliche Tagebücher führen und sich nicht selbst rechtfertigen müssen? Kann sich jemand vorstellen, was das für eine Freude ist für eine Person, deren Leben bis zu dem Punkt kontrolliert wurde, was sie sagen oder glauben durfte, deren eigentliche Gedanken und Meinungen überwacht wurde, wenn sie nun alles vergessen kann? Wie viele Frauen gingen weg? Vergleichen sie mal, wieviele hingegen zu den Behörden gehen oder für die Angelegenheiten von missbrauchten Frauen eintreten und sie vor die Medien und die Gerichte bringen. Wie viele von diesen gibt es? Drei? Fünf? Zehn? Sollte man diesen „Apostaten“ glauben?

Wie viele Ex-Mitglieder des Kults gibt es? Wie viele von ihnen äußerten sich öffentlich? Drei? Fünf? Zehn? Sollte diesen „Apostaten“ geglaubt werden?

Ich denke, es gibt sehr viele Gründe, einen Vergleich zwischen den beiden Gruppen zu ziehen, nicht nur wegen ihrer Situation, sondern wegen jenen, die sich öffentlich äußern, und ich hoffe, dass dies in einigen professionellen Kreisen einiges Interesse erwecken könnte. Ich bin kein größerer „Experte“ für soziologische Vergleiche als diese Frau mit der blutverschmierten Nase eine Expertin ist, aber wir haben eine gemeinsame Ebene des Verständnisses.

    Robert Vaughn Young
    22. Februar 2000
    copyright (c) Robert Vaughn Young
    Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Peter Widmer und Friedrich Griess

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Ein Kommentar

  1. Hello, i have fallowed you tread from Silvias. Sorry I only speak english and hungarian. I too have a blog under the title Elizabeth Hamre’s Blog. I am well know for my articles as a solo auditor. Placed many comments in Geir Isenes blog and have connection to David St Lawrences Blog.

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